Jemand muss zuhause sein

zum 100. Geburtstag von Silja Walter
Jemand muss zuhause sein,
Herr,
wenn du kommst.
Jemand muss dich erwarten
unten am Fluss
vor der Stadt.

Jemand muss nach dir
Ausschau halten
Tag und Nacht.
Wer weiss denn, wann du kommst.
Herr,
jemand muss dich kommen sehen
durch die Gitter
seines Hauses,
durch die Gitter.

Durch die Gitter deiner Worte,
deiner Werke,
durch die Gitter der Geschichte,
durch die Gitter des Geschehens
immer jetzt und heute
in der Welt.

Jemand muss wachen
unten an der Brücke,
um deine Ankunft zu melden,
Herr,
du kommst ja doch in der Nacht
wie ein Dieb.

Wachen ist unser Dienst,
wachen.
Auch für die Welt.
Sie ist oft so leichtsinnig,
läuft draussen herum,
und nachts ist sie auch nicht
zuhause.

Denkt sie daran,
dass du kommst?
Dass du ihr Herr bist
und sicher kommst?

Jemand muss es glauben,
zuhause sein um Mitternacht,
um dir das Tor zu öffnen
      und dich einzulassen,
wo du immer kommst.

Herr,
durch meine Zellentüre
kommst du in die Welt
und durch mein Herz
zum Menschen.
Was glaubst du, täten wir sonst?

Wir bleiben, weil wir glauben.
Zu glauben und zu bleiben
sind wir da, -
draussen
am Rand der Stadt.

Herr.
Und jemand muss dich aushalten,
dich ertragen, ohne davonzulaufen.
Deine Abwesenheit aushalten,
ohne an deinem Kommen zu zweifeln.
Dein Schweigen aushalten
und trotzdem singen.
Dein Leiden, deinen Tod aushalten
und daraus leben.
Das muss immer jemand tun
mit allen andern
und für sie.

Und jemand muss singen,
Herr,
wenn du kommst,
das ist unser Dienst.

Dich kommen sehen und singen.
Weil du Gott bist.
Weil du die grossen Werke tust,
die keiner wirkt als du.
Und weil du herrlich bist
und wunderbar wie keiner.

Komm, Herr!
Hinter unseren Mauern
unten am Fluss
wartet die Stadt
auf dich.
Amen

                      Silja Walter (1919-2011)

Dezember 2019

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